Die Bahnlinie Etzwilen - Singen
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Von der Nationalbahn (SNB) zur Nordostbahn (NOB)
Das unglückliche Schicksal der Nationalbahn ist hinlänglich bekannt. Zwar erfolgte noch 1875 eine Dividendenzahlung - es war die erste und zugleich die letzte; denn schon 1876 wies die Bahn pro Bahnkilometer ein Minus von Fr. 576.- auf, 1877 bereits Fr. 3435.- . Der Bahnbau wurde trotzdem weitergeführt - die Nationalbahn sollte dereinst von Konstanz bis Vevey fahren - aber das Unternehmen brauchte Geld! Ende Januar 1876 begehrte die Eisenbahndirektion von den Gemeinden der Ostsektion (Winterthur-Singen-Kreuzlingen) eine Nachsubvention von einer halben Million Franken, weil sie mit anderthalb Millionen bei der Westsektion verschuldet war. Mit einigen Vorbehalten bewilligte die Gemeindeversammlung einen Viertel des Aktienkapitals, also 6'250.- Franken. Im April traf ein neues Begehren ein. Diesmal wurden statt der Fr. 6'250.- deren Fr. 8'000.- Nachsubvention gegen Obligationen zweiten Ranges verlangt. Wohl nicht leichten Herzens musste die Gemeinde bei der Darlehensgeberin Frau Hurter vorstellig werden. Nochmals nahm die Gemeinde Fr. 4'000.- bei ihr auf. Die grosse Schuldenlast, die zudem von der Bahngesellschaft nicht einmal verzinst wurde, ging nun freilich über die finanziellen Kräfte der Gemeinde. Bis anhin hatte sie ihre Ausgaben aus den eingegangenen Pacht- und Aktivzinsen bestreiten können; jetzt reichten diese Einnahmen nicht mehr. Schweren Herzens beschloss daher die Gemeindeversammlung 1877 die Erhebung einer Vermögenssteuer von 1 ½ Promille zur Deckung des mutmasslichen Defizites in der Gemeinderechnung. Anfangs 1878 meldete die Bahn den Konkurs an. Um den Betrieb dennoch weiterführen zu können, mussten sich die Gemeinden zur Übernahme des Betriebsdefizites verpflichten. Auch Frau Hurter bekam es nun mit der Angst um ihr Geld zu tun. Die Gemeindegarantie schien ihr nicht mehr ausreichende Sicherheit zu bieten; sie verlangte grundpfandrechtliche Sicherstellung. Diesem Wunsche entsprach die Gemeinde und verschrieb ihr Gemeindeliegenschaften im Werte von Fr. 30'500.-. Im März 1880 ersteigerte die Nordostbahn die Anlagen der Nationalbahn, die 31 Millionen Franken gekostet hatten, für lächerliche 3 Millionen. Diese Handänderung fand auch im Gemeindeprotokoll ihren Niederschlag. Am 31.März 1882 beschloss die Gemeindeversammlung kurz und bündig, dass in Zukunft Fr. 33'630.- Nationalbahnaktien am Vermögensstand gestrichen werden sollen. Viel Geld war verlorengegangen, aber die Schulden blieben, waren zu verzinsen und abzuzahlen. Wie wurde die Gemeinde mit ihrem Schuldenberg fertig? Im Jahre 1878, bei Anmeldung des Konkurses hatte die Gemeinde eine Eisenbahnschuld von Fr. 16'000.- bei Frau Hurter und Fr. 6'000.- bei der Spar- und Leihkasse in Stein. 1881 zahlte sie die Restschuld von Fr. 1'400.- bei der Spar- und Leihkasse in Stein ab und 1888 die letzten Fr. 4'500.- an der Hurter’schen Schuld. Somit war die Gemeinde innert zehn Jahren mit dem grossen Brocken fertig geworden, was umso erstaunlicher ist, als beispielsweise Winterthur erst 1952 die letzte Rate abzahlte. Die Erklärung für dieses Finanzwunder in Hemishofen ist einfach. Die Schuld wurde umgelagert. Mit der Überführung des Bürgergutes ins Einwohnergut war die Gemeinde verpflichtet worden, den Schulfonds zu äufnen. Dies sollte durch eine jährliche Einlage von Fr. 2'000.- während fünf Jahren geschehen. Aber schon 1878 verminderte die Gemeinde den Beitrag auf Fr. 1'000.-. Zudem wandelte sie das Fondsvermögen samt Beiträgen sofort in eine Schuld an den Schulfonds um. Fortan verfuhr sie alljährlich auf diese Weise. 1877 betrug die Schuld an den Schulfonds Fr. 9'896.-. Nach Tilgung der Hurter’schen Schuld 1888 war die Gemeinde dem Schulfonds Fr. 26'396.- schuldig. Je nach Rechnungsabschluss begann von nun an die Gemeinde, die Schuld zurückzuzahlen, aber erst 1935 war diese mit Fr. 10'500.- wieder annähernd auf dem Stand von 1877. Es ist daher nicht übertrieben zu behaupten, die Gemeinde habe über ein halbes Jahrhundert lang an den Folgen des Eisenbahnkonkurses zu tragen gehabt. Darum blieb auch der Schreck über diese Katastrophe noch lange haften. Als 1898 das Schweizer Volk über das Eisenbahn - Rückkaufsgesetz abzustimmen hatte, lieferten die drei Gemeinden Ramsen, Hemishofen und Stein am Rhein überwältigende zustimmende Mehrheiten. Hemishofen nahm das Gesetz mit 64 Ja zu 12 Nein an. In diesem Resultat äusserte sich ohne Zweifel der Wunsch nach der Staatsbahn, die allein Garantie für die Erhaltung bietet, ohne die Gemeinden und Private übermässig zu belasten. Würden die Hemishofer heute anders handeln als ihre Vorfahren? Wohl kaum! Wollte damals die Gemeinde wirtschaftlich nicht ins Hintertreffen geraten, musste sie eine Eisenbahnverbindung anstreben. Ob diese unter der Flagge der National- oder Nordostbahn segelte, fiel nicht so sehr ins Gewicht. Wir haben gesehen, wie lange die Gemeinden schwankten. Die Promotoren der Nationalbahn hatten nur die Gunst der Stunde rascher erfasst als die leitenden Männer der NOB. Das Versprechen der Nationalbahn, die Strecke Winterthur-Singen-Kreuzlingen zu bauen, war entscheidend. Ihre hochfliegenden Pläne wurden wohl erst so richtig bekannt, als die Aktienzeichnungen gesichert waren. Von diesem Augenblick an aber war die Gemeinde gebunden, wollte sie nicht Geld verlieren, ohne einen realen Gegenwert dafür erhalten zu haben. Die Einwohner hätten es auch nicht verstanden, wenn der Gemeinderat ein Abseitsstehen befürwortet hätte. Die grossen Mehrheiten der Gemeindeversammlungen für die Eisenbahnsache beweisen deutlich den Wunsch der Einwohner nach einer Bahn. Der Bahnanschluss musste sehr teuer erkauft werden, brachte jedoch nicht den insgeheim erwarteten Erfolg. Immerhin ist es der Bahn zu verdanken, dass die Bevölkerung längst nicht so stark abgenommen hat, wie an Orten, die nicht an einer Bahnlinie liegen. Entwicklung der Bahn bis in die Gegenwart Während des zweiten Weltkrieges strapazierten deutsche Kohlenzüge die Strecke derart, dass nach Kriegsende die Hemishoferbrücke nur noch mit halb beladenen Güterzügen befahren werden konnte. Über die Aufhebung der unrentablen Linie wurde nun laut nachgedacht. 1952 stimmte der Gemeinderat einem Vorschlag des Steiner Stadtrates für eine Postautolinie Stein am Rhein -Hemishofen - Ramsen - Buch im Grundsatze zu. Als dann jedoch 1956 die Gemeindevertreter von den SBB zu einer Versammlung wegen Aufhebung der Bahn Etzwilen - Singen eingeladen wurden, waren alle für die Beibehaltung der Bahn. Von nun an kursierten immer wieder Aufhebungsgerüchte. Im Herbst 1958 sollte ein Versuchsbetrieb mit Autobussen der Zugerland-Verkehrsbetriebe und der Deutschen Bundespost, sowie ein Schienenbus-Betrieb Aufschluss über die Folgen einer allfälligen Umstellung geben. Einig war man sich darin, dass bei einem Wechsel ein Autobusbetrieb vorzuziehen wäre, weil dieser in der Routengestaltung flexibler und keine langen Wartezeiten in Etzwilen bedingen würde, wie der Schienenbus. 1962 gaben die SBB die bindende Zusicherung, dass der Bahnbetrieb in den nächsten 10 bis 15 Jahren aufrecht erhalten bleiben werde. Der Gemeinderat von Hemishofen war über diese Mitteilung eher enttäuscht, denn damit war die Strassenführung einer kommenden Umfahrungsstrasse, die man sich auf dem ehemaligen Bahntrassee vorstellte, wieder in Frage gestellt. Im Dezember 1968 trafen sich die Gemeindevertreter in Stein am Rhein, um dort den Beschluss der SBB, den Personenverkehr auf der Strecke Etzwilen - Singen aufzuheben, zu diskutieren. Die Hemishofer stellten zwar bei einer Umstellung auf Autobus eine Verbesserung im Verkehr mit Stein am Rhein fest, nicht aber mit Schaffhausen. Die Fahrzeit würde verlängert und die Fahrkosten verteuert. Ungeachtet der Hemishofer Einwendungen erfolgte mit dem Fahrplanwechsel am 30. Mai 1969 die Umstellung auf den Busbetrieb. Schon ein Jahr später musste der Gemeinderat feststellen, dass dieser gegenüber der Bahn erhebliche Vorteile aufweist. Der Bahn blieb noch der Gütertransport, vor allem Alteisen, weshalb ihr von den deutschen Nachbarn der Name Schrott-Bähnle gegeben wurde. In den achtziger Jahren erlebte die Bahn mit den Huckpacktransporten einen neuen Aufschwung, und in der SBB - Leitung begann man ernsthaft über eine dritte Brücke bei Hemishofen zu diskutieren. Mit dem Entscheid, den Lastwagenterminal von Rielasingen nach Singen zu verlegen, und die Transporte direkt nach Schaffhausen zu leiten, verschwanden diese Pläne wieder. Damit war die Bahnlinie gemäss Schaffhauser Schülerkarte zu einem Industriegeleise herabgesunken; die bemannte Station wurde schon 1981 aufgehoben. |
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