Die Bahnlinie Etzwilen - Singen
|
||
|
|
Die Geschichte der Bahnlinie aus der Sicht der Gemeinde HemishofenZusammengestellt von Herman Tanner Gedruckte Quellen
Ungedruckte Quellen
Am 13.Juli 1863 wurde die Bahn Waldshut-Schaffhausen-Singen-Konstanz eingeweiht. Damit war die Region Stein am Rhein erstmals in die Nähe einer Bahnlinie gerückt. Begreiflicherweise entstand, namentlich in Stein am Rhein, der Wunsch nach einem Anschluss an diese Bahn. Schon während des Bahnbaus hatte alt Nationalrat Johann Georg Fuog das Projekt einer Pferdebahn von Singen nach Stein vorgebracht. Dieses stiess sowohl bei der Regierung wie auch bei den Hemishofern auf Ablehnung. Nicht besser erging es einem Eisenbahnprojekt Stein am Rhein - Gottmadingen, ebenso einem solchen für einen Omnisbusbetrieb Stein am Rhein - Gottmadingen. Starrköpfig wie Fuog war, führte er auf eigene Rechnung einen Pferdeomnisbus zwischen Stein am Rhein und Gottmadingen, der ihn aber neben anderen Unternehmungen in den Ruin trieb. Intuitiv hatte aber Fuog erfasst, dass die Zukunft der Eisenbahn gehörte. 1867 bildete sich in Stein am Rhein ein Komitee für den Bau einer Bahnverbindung von Stein nach Singen. Die Regierung in Schaffhausen unterstützte diese Bestrebungen. Als aber die Verhandlungen mit dem Grossherzogtum Baden auf eine Umfahrung von Stein und Hemishofen, mit Überquerung des Rheins bei der Bibermühle und mit einem Tunnel durch den Rodenberg hinausliefen, versagte die Regierung eine weitere Unterstützung und verzichtete auf das Anschlussrecht in Singen. Inzwischen konstituierte sich in Stammheim ein Komitee für eine Eisenbahnlinie Singen-Winterthur über Stammheim-Andelfingen. Dort hätte die Bahn in die Geleise der Nordostbahn (NOB) von Schaffhausen nach Winterthur eingemündet. Für die Projektierung brauchte das Komitee Geld. Am 12. Februar 1869 hatte die Gemeindeversammlung über einen Beitrag von 300 Fr. zu befinden. Vorerst beschloss sie Zurückstellung, bis streitiger Anschluss in Singen sicher sei. Die Projektierungsarbeiten nahmen deswegen doch ihren Fortgang und schon am 15. Februar delegierte der Gemeinderat den Schreiber Johann Jakob Albrecht zu einer Begehung der projektierten Eisenbahnlinie mit den Ingenieuren Näf und Zschokke. Einst hatte das Steiner Komitee den Rheinübergang oberhalb der Steiner Rheinbrücke geplant. Inzwischen war man davon abgekommen und sah den Übergang bei Hemishofen vor. Von Etzwilen nach Stein war eine Stichbahn geplant. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte sich die Gemeinde noch nicht stark für eine Eisenbahn erwärmen können. Um so überraschender war der Beschluss vom 26. Juni 1869, wonach die Gemeinde bereit war, sich mit Fr. 25'000.- am Unternehmen zu beteiligen, wenn eine Bahn Singen-Andelfingen zwischen Hemishofen und Stein durchgeführt werde. Für den Fall, dass die Bahn unterhalb Hemishofen geführt werde, leistet die Gemeinde gar nichts .Mit dieser Zusage hatte Hemishofen den entscheidenden Schritt getan und zwar mit einem Mehr von 41 zu 8 Stimmen. In der Folge schlummerte die Angelegenheit etwas ein, weil der Anschluss in Singen immer noch in der Schwebe blieb und die NOB ausserdem keine definitive Zusage wegen der Mitbenützung des Geleises von Andelfingen nach Winterthur gegeben hatte. Die Thurgauer Regierung war überdies mit der Linienführung über Stammheim nicht einverstanden. Sie befürwortete eine Linie von Singen über Diessenhofen nach Andelfingen, womit der Steiner Bezirk wiederum nicht einverstanden war. 1870 gestattete Baden mit Vorbehalten den Anschluss in Singen. Die ohnehin schon reichlich verworrene Situation war noch komplizierter geworden, als im Februar 1869 eine Versammlung von Unterseeanwohnern in Steckborn die Zeit als günstig für den Bau der Strecke Keuzlingen-Schaffhausen erachtete. Am 11. Juni fasste diese Eisenbahn-Versammlung den Beschlusss, das Winterthur- und Unterseeprojekt zusammenzufassen. Hemishofen war an dieser Versammlung nicht vertreten, weil eine Teilnahme nicht in unserem Interesse liegt. Hingegen waren der Gemeindepräsident und der Vizepräsident an der Eisenbahn-Versammlung vom 6 .August 1871 in Stein dabei, an welcher die Fusion der beiden Linien beschlossen wurde. Am 24. August hatte die Gemeindeversammlung über diese Vereinigung zu befinden, da auch das gezeichnete Aktienkapital auf die neue Gesellschaft übertragen werden musste. Die Bürger standen einer Vereinigung der beiden Bahnen recht skeptisch gegenüber, denn sie befürchteten nicht ohne Grund, dass für uns kaum eine einfache Haltestelle als Brosamen abfalle. Der Gemeinderat hatte beantragt, die Zustimmung nur zu erteilen, wenn Garantie geboten werde, dass in entsprechender Nähe unseres Ortes eine Station nicht bloss zur Spedition von Personen, sondern auch von Waren verlangt werde. Zwei weitere Anträge gingen dahin, das Aktienkapital auf Fr. 20'000 bzw. 15'000 zu reduzieren, da die Hände darüber frei geworden seien. Für die Hemishofer, denen wohl vor der kommenden Schuldenlast graute, war die beantragte Vereinigung ein bequemer Ausweg, um die Bürde etwas zu erleichtern. Daher ist es verständlich, wenn erst in einer zweiten Abstimmung schliesslich doch noch der Antrag des Gemeinderates obsiegte. Im neuen Komitee der Andelfingen - Singen- und Stein - Kreuzlingen-Bahn sass auch der Winterthurer Stadtpräsident Johann Jakob Sulzer. Er war ein erbitterter Gegner der Nordostbahn, der Herrenbahn, wie sie in seinen Kreisen tituliert wurde. In der Folge bekam die ganze Eisenbahnangelegenheit immer mehr einen politischen Anstrich. Die wirtschaftlichen Überlegungen gerieten ins Hintertreffen, was sich noch bitter rächen sollte. Im Frühjahr 1872 schlugen die Winterthurer die direkte Strecke Winterthur-Singen vor. Damit wollte man von der NOB unabhängig werden. Die Gemeinde wurde nun eingeladen, den gezeichneten Aktienbetrag von Fr. 25'000 an das neue Unternehmen zu zedieren, was am 2.Juni 1872 geschah. Mit der Einzahlung aber liess man sich Zeit. Die Gemeinde machte eine Zahlung von der endgültigen Festlegung der Linie Singen - Winterthur abhängig. Doch die Eisenbahndirektion drängte! 1873 verlangte sie die Einzahlung von 20 Prozent des zugesagten Aktienkapitals, andernfalls die Gemeinde ihr Stimmrecht an der Generalversammlung verlieren würde. Bemerkenswert sind die Erwägungen, welche den Gemeinderat veranlassten, der Gemeindeversammlung Zustimmung zu empfehlen. Es wird erklärt, dass es wirklich ein entscheidendes Moment und für die Zukunft der Gemeinde von wichtigen Folgen sei, eine solche Schuldenlast aufzuladen. Allein, das Wort für die Zahlung sei gegeben, und wenn die Bahn zustande komme, müssen wir dennoch bezahlen, verlieren am Ende nur das Vorteilhafte einer Bahn, dass sie ohne Haltestelle an uns vorüberfahre, was wir später bereuen müssten. Da die Direktion das Versprechen auf Rückzahlung für den Fall, dass die Bahn nicht gebaut werde, gegeben hatte, wurde die Einzahlung der Gelder von 42 der 53 Anwesenden bewilligt. Inzwischen hatte es der Präsident des Bahndirektoriums, Stadtschreiber Theodor Ziegler von Winterthur verstanden, die Linie Winterthur - Singen - Kreuzlingen immer mehr in das Konzept seiner künftigen Nationalbahn einzubauen. Die Nationalbahn sollte, im Gegensatz zu den ausschliesslich von privaten Gesellschaften gebauten Bahnen, eine vom Volk getragene , d.h. bezahlte Bahn werden. Politisch richtete sich das Bahnunternehmen gegen den Kantonshauptort, wo Eisenbahnkönig Alfred Escher die Szene beherrschte. Folgerichtig wechselte der Sitz der Bahngesellschaft von Stammheim nach Winterthur, mit dem Erfolg, dass die Eisenbahnpolitik nunmehr dort gemacht wurde. Noch im Hebst 1872 erhielt das vereinigte Bahnunternehmen den Namen Nationalbahn, wobei aber der Name Winterthur - Singen - Kreuzlingen Bahn bestehen blieb und die Aktien unter dieser Bezeichnung ausgegeben wurden. Die Stellung der Winterthur - Singen - Kreuzlingen Bahn (WSK) war aber bei weitem noch nicht gefestigt. Unterm 16. Januar 1873 wusste das Schaffhauser Intelligenzblatt zu berichten, dass eine Konferenz des Initiativkomitees der WSK mit der NOB stattgefunden habe, an welcher die Nordostbahn eine überaus günstige Offerte zur Uebernahme unterbreitet habe. In Stein und Umgebung stiessen diese Töne auf offenes Gehör, denn man wollte einfach eine Bahn. Wer sie baute war Nebensache! Die Steiner Gruppe unter Böschenstein, einem Verwalungsratsmitglied der WSK, trieb diese Unterhandlungen bis zum Abschluss eines Vorvertrages zur Uebernahme des Baus durch die Nordostbahn. Einen besseren Beweis wie wenig die Steiner Region in der Eisenbahnsache ein Politikum sah, gibt es wohl nicht! Eine ausserordentliche Aktionärsversammlung vom 14. März 1873 lehnte die Vereinigung mit der NOB mit 1805 gegen 1304 Stimmen ab. Merkwürdigerweise haben diese weittragenden und für die betroffenen Gemeinden folgenschweren Bestrebungen in Hemishofen keinen Niederschlag gefunden. Es ist kaum anzunehmen, dass diese Frage nicht auch in Hemishofen besprochen wurde. Da sich die Protokolle ausschweigen, ist man versucht, anzunehmen, der Hemishofer Gemeinderat sei dem Winterthurer Komitee treu geblieben. Mehr als diese Ausflüge zur Konkurrenz beschäftigte die Hemishofer Gemeindeväter die Suche nach einem Geldgeber. Nach Prüfung verschiedener Offerten nahm die Gemeinde bei Frau Susette Hurter zum Zobel in Schaffhausen ein Darlehen von Fr. 25'000.- auf zu einem Zinsfuss von 4 ½ Prozent. Als Pfandsicherheit begnügte sich Frau Hurter mit der Garantie der Gemeinde. Allmählich nahm auch der Bahnbau Gestalt an. Am 22. April 1873 händigte der Gemeinderat einem Oberingenieur die Vermessungspläne aus. Zusammen mit Ramsen erwog die Gemeinde den Bau eines Fussgängersteges der Eisenbahnbrücke entlang. Die Ausführung scheiterte jedoch an den hohen Kosten von Fr. 7000.- . Im NOB-freundlichen Schaffhausen verfolgte man die Betriebsamkeit des Winterthurer Komitees mit argwöhnischen Augen. Ausserdem machte sich die von der NOB informierte Regierung nicht unberechtigte Sorgen über das Gelingen des Unternehmens. Darum verlangte sie anfangs Mai 1873 Aufschluss von der Gemeinde, wie sie die Eisenbahnschuld zu verzinsen gedenke. Darauf beschloss die Gemeinde, wenn die ordentlichen Einnahmen nicht genügen, die Eisenbahnschuld zu bestreiten, so wollen es sich die Bürger gefallen lassen, auf ihren Gemeindenutzen vier bis fünf Franken Auflage anzunehmen. Die Bürger waren also durchaus bereit, zugunsten der Eisenbahn persönliche Opfer auf sich zu nehmen. Am 29. November 1874 beschloss die Gemeindeversammlung die Überführung des Bürgergutes an die Einwohnergemeinde. Dem Bürgergut verblieben einzig noch die Kabisländer und der Gemeindewald. Mit dieser Geste war die Regierung hingegen noch nicht zufriedengestellt. Sie war mit der Orientierung des Steiner Bezirkes in Richtung Winterthur und Zürich gar nicht einverstanden. Viel lieber hätte sie eine Verbindung mit dem Kantonshauptsort gesehen. Jede Gesellschaft, welche diese Linie zu bauen beabsichtigte, durfte mit einer Subvention von Fr. 100'000.- rechnen. An die Strecke Ramsen-Etzwilen und Etzwilen-Stein lehnte der Regierungsrat jeden Beitrag ab. Dieses Verhalten der Regierung war natürlich nicht dazu angetan ihr im Oberen Kantonsteil Freunde zu schaffen, zumal die Kantonsregierung die Steiner schon 1868 vertäubt hatte, als sie das Projekt einer Bahn von Singen nach Stein nicht unterstützte. Der Staat hatte dem Steiner Bezirk keine Eisenbahn gebracht, deshalb war jeder Rat seitens der Schaffhauser Regierung lästig und unwillkommen. Im Recht war die Regierung, wenn sie das Finanzgebaren der Nationalbahngesellschaft kritisch betrachtete. Ein Rentabilitätsberechnung der NOB für die Strecke Singen - Winterthur lautete vernichtend, doch in Winterthur war man aus Prestigegründen solchen Warnungen gegenüber taub. Im übrigen konnte die NOB als Konkurrent auch nicht gerade als neutrale Instanz angesehen werden. Schliesslich verbot die Regierung im November 1873 jede weitere Aktieneinzahlung. Darob herrschte natürlich grosse Bestürzung, und wenn die Gemeinde bis jetzt der Eisenbahnsache gegenüber eine eher abwartende Haltung eingenommen hatte, so stellte sie sich jetzt mit allem Nachdruck dahinter. Zwei Petitionen an die Regierung, letztere allein von Hemishofen eingebracht, wurden ablehnend beschieden, d.h. eine Aufhebung des Verbotes wurde von der Erfüllung so vieler Klauseln abhängig gemacht, dass dies einer Aufrechterhaltung des Verbotes gleichkam. Mit diesem negativen Entscheid goss die Regierung den Hemishofern Öl ins Feuer! Auf ein Begehren von 14 Bürgern berief Präsident Johann Jakob Albrecht am 29.Dezember eine ausserordentliche Gemeindeversammlung ein. Der Tenor der Voten lag in der Verpflichtung der Gemeinde zur Zahlung und der Feststellung, dass seinerzeit der Ausweis über die Zahlungsfähigkeit erbracht worden sei. Nur ein Votum, bezeichnenderweise vom Friedensrichter, fand das beabsichtigte Auftreten gegen die Regierung als zu schroff und nicht klug und schlug eine vorläufige Aktieneinzahlung ausschliesslich durch Private gegen Garantie der Gemeinde vor. Mit Einmut beschloss dagegen die Gemeinde, die Rate von Fr. 5'000 per sofort einzuzahlen, ferner sei der Gemeindebeschluss der hohen Regierung mit dem Anfügen mitzuteilen, dass die ganze Aktivbürgerschaft dafür einstehe, wenn aus dieser Einzahlung der Gemeindekasse ein Nachteil deshalb entstehen sollte, dass diese Einzahlung ohne obrigkeitliche Bewilligung geleistet worden. Die Antwort der Regierung traf postwendend per Express ein. Wie man in den Wald rief, so tönte es zurück! Zum ersten stellte die Regierung fest, dass sie die Heldentat der Hemishofer als einen Akt des Ungehorsams ansehen müsse, zum zweiten wurde mit der Ergreifung geeigneter Massnahmen gedroht. Dieser Donnerschlag aus dem Regierungsgebäude muss doch etwas ernüchternd gewirkt haben, denn kleinlaut teilte der Gemeinderat seiner Geldgeberin mit, dass das Geld noch nicht benötigt werde, da er wohl oder übel gehorchen müsse. Verständlicherweise war der Grenzbote, das Sprachrohr der Eisenbahnbefürworter im Steiner Bezirk, mit dem väterlichen Eingeifen der Regierung gar nicht einverstanden: Ist es der hohen Regierung so sehr daran gelegen, uns vor der Verarmung oder Verschwendung zu schützen, warum hat sie die helfende Hand nicht früher eingesetzt, zu einer Zeit, da es möglich war, ohne an den Pranger gestellt zu werden, zurückzutreten? Wir haben allerdings, das wird niemand bestreiten, zu viel gewagt und wären vielleicht mit eine bedeutend geringeren Summe zum gleichen Zweck gelangt, aber was geschehen ist, können wir nicht ungeschehen machen Nun schaltete sich die Eisenbahndirektion ein, welche dringend Geld brauchte, indem sie den Rechtstrieb gegen alle drei Gemeinden anhob. Die Regierung entschied, dass eine allfällige Betreibung ihr zu überweisen sei, damit sie Rechtsvorschlag erheben könne. Gleichzeitig beauftragte sie den Staatsanwalt die erforderlichen rechtlichen Schritte einzuleiten. Am 28. Januar 1874 hob die Regierung das Verbot endlich auf, nachdem sie offenbar vergeblich bei der NOB wegen einer Linie Schaffhausen - Konstanz sondiert hatte. Äusserlich war nun die Welt wieder in Ordnung, aber der Graben des Misstrauens zwischen der Regierung und der Bevölkerung des Oberen Kantonsteils war mit diesem Verbot noch vertieft worden. Ein letztes fernes Donnergrollen findet sich im Gemeinderatsprotokoll vom 21. Februar 1874. Der Gemeinderat muss von der Regierung ein Schreiben erhalten haben, worin dieselbe der Gemeindebehörde übereiltes Handeln und unverantworliche Verschwendung der Gemeindegüter vorwirft. Die ganze Verantwortung für den Fall, dass das Unternehmen der Gemeinde Nachteile brächte, wurde auf den Gemeinderat überwälzt. Nach Anhören des Schreibens mögen sich die Gemeindeväter wohl ihre Gedanken gemacht haben, anderseits waren sie vorsichtig genug, zu jeder wichtigen Frage die Gemeindeversammlung einzuberufen.
|
|